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Warum wir unsere weißen Flecken sichtbar machen müssen


Ich bin adoptiert.

Meine Eltern sind beide Weiß.

Wir sprechen bis zum heutigen Tage kaum über Rassismus. Es ist schwierig. Ich frage mich häufig, warum das so ist. Aber ich glaube, ich habe eine Ahnung.

Wir werden alle rassistisch sozialisiert, weil wir in rassistischen Strukturen groß werden. Die meisten von uns sind sich dessen allerdings nicht bewusst. Wir glauben, dass Rassismus Absicht voraussetzt. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob wir gute oder böse Absichten haben. Mit der Art wie wir leben, was wir sagen und wie wir denken – sind wir rassistisch.


Weil meine Eltern mir nie beigebracht haben, was Rassismus ist, geschweige denn erklärten, dass es Rassismus in Deutschland gibt, habe ich ihre weißen Flecken geerbt. Weiße Flecke sind Dinge, die wir nicht sehen, die außerhalb unseres Sichtfeldes sind. Dafür haben wir, wie ich finde, zunächst einmal keine Schuld. Wenn wir allerdings darauf hingewiesen werden, sollten wir hellhörig werden und reflektieren. Das tun wir oft nicht, zumindest so lange bis wir irgendwann einmal selbst betroffen sind.


Vielleicht kennt Ihr das. Wenn Ihr abled-bodied (Menschen ohne Behinderung) seid bewegt Ihr Euch mühelos durch die Straßen der Großstädte und merkt erst eine große Veränderung sobald Ihr zum Beispiel Eltern werdet. Das Bewegen mit Euren Kindern im Kinderwagen stellt Euch plötzlich vor Herausforderungen, die Euch bisher unbekannt waren. Vielleicht denkt Ihr dann sogar an andere Menschengruppen, die ebenfalls durch die Infrastruktur der Städte in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind – wie bspw. ältere Menschen, Menschen mit Rollstuhl oder Gehbehinderung.


Meine weißen Flecke haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass ich Rassismus nicht erkannte und Diskriminierungserfahrungen häufig auf mich persönlich bezog. An meiner damaligen Schule wurde für eine bestimmte Schulklasse ein Austausch mit einer senegalesischen Schule geplant. Da ich in einer anderen Schulklasse war, fragte ich meinen Schulleiter, ob ich denn trotzdem mitreisen könne. Er antwortete: „Ja klar, Du bist doch unser Alibi!“. Meine Freundin schaute sehr irritiert und ich ahnte, dass irgendetwas nicht stimmte, aber meine Eltern reagierten nicht überrascht, als ich ihnen die Geschichte schilderte und gingen nicht weiter darauf ein. Ich verstand, um ehrlich zu sein nicht, was er meinte. Erst etwa 15 Jahre später verstand ich, dass mein Schulleiter sich rassistisch äußerte. Auf Grund meiner weißen Flecken wurde mir erst sehr spät bewusst, dass Rassismus nicht nur individuelle Diskriminierung ist, sondern ein Konstrukt, welches sich durch unsere Institutionen, unsere Bildungseinrichtungen, unsere Politik sowie unser gesamtes gesellschaftliches Leben zieht.


Rassismus führt dazu, dass ich in meiner Karriere limitiert war, dass ich Wohnungen nicht bekam, dass jede einzelne Berührung mit der Polizei schmerzhaft und teuer war, dass ich unzählige Mikroaggressionen ertrage, dass ich immer auf der Hut sein muss, dass eventuell die nächste Diskriminierung auf mich wartet, dass ich versuche mich immer an eine Weiße Norm anzupassen, mich gut zu artikulieren, meine Haare „ordentlich“ zu tragen und nicht zu sauer zu werden um nicht als „wütende Schwarze Frau“ bezeichnet zu werden. Die Liste ist lang.


Nach den rassistisch motivierten Morden an Breonna Taylor, George Floyd und den vielen anderen Schwarzen Menschen erfuhr die Black Lives Matter Bewegung einen neuen Höhepunkt und wurde sehr laut und präsent. Gerade in Deutschland fanden die außerhalb der USA weltweit größten BLM Proteste statt. Die Fülle an Nachrichten und Posts in den Sozialen Medien belasteten mich sehr. Zu Covid-Lockdown, Homeschooling und dem immensen Stress, der durch viel zu wenig Zeit für Arbeit und Studium über Monate anhielt, folgte nun noch eine Zeit, in der Traumata reaktiviert und alte Wunden aufgerissen wurden.


Ich telefoniere fast täglich mit meinen Eltern. Dennoch konnte ich nicht mit Ihnen über meine Sorgen und Ängste in dieser schwierigen Zeit sprechen. Jegliche Diskriminierungserfahrung wurde klein geredet, relativiert oder es wurde mir nicht geglaubt. Das zerriss mir oft mein Herz. Nach langen, anstrengenden Unterhaltungen kam dann noch der Vorwurf, warum ich denn nie über derartige Erfahrungen gesprochen habe. Tja, fragt Ihr Euch noch warum?


In Deutschland wird derzeit in den Medien und der Politik darüber diskutiert, OB es Rassismus in Deutschland gibt. Eine koloniale Geschichte, zwei verlorene Weltkriege und die globale Schande des Nationalsozialismus führten dazu, dass Rassismus in die rechtsradikale Ecke abgestellt wurde und zwingend mit böser Absicht verbunden wurde - bis heute. Das macht es so furchtbar schwer in Deutschland über das Thema Rassismus zu sprechen, welches für viele einfach kein Thema ist.


In den USA hingegen erlebe ich einen Diskurs auf einem anderen Level. Hier wird in den Nachrichten darüber gesprochen, dass der Präsident sich rassistisch geäußert habe. Hier ist die Frage nicht mehr, ob es Rassismus gibt, sondern eher, wie dagegen vorgegangen werden kann.

„Weiße Flecken verletzen, weiße Flecken traumatisieren, weiße Flecken töten. Und dies häufig unbemerkt für die Weiße Mehrheit – nicht nur in den USA und Deutschland, sondern auf der gesamten Welt.“ Ellen Wagner

Ich bin mir bewusst, dass es ohne Hilfe schwer ist, Unsichtbares zu erkennen. Es ist sicherlich auch nicht leicht auf das eigene Leben zu blicken und anzuerkennen, dass man schon immer rassistisch gehandelt hat. Rassismus ist kein einfaches und angenehmes Thema. Es ist aber zwingend notwendig sich damit auseinanderzusetzen!

Mein Appell lautet deswegen: Werdet aktiv. Jetzt. Seht zu, dass Ihr Eure weißen Flecken sichtbar macht, dass Ihr Euch bildet, dass Ihr unangenehme Diskussionen führt, dass Ihr Eure Privilegien erkennt und nutzt, um denen zu helfen, die unterdrückt werden. Es geht uns alle an.



Mehr über mich und meine Anti-Rassismus Workshops finden Sie hier.


Quellen bei der Autorin.

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