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Das große Ganze erkennen – Über die Wurzeln von Diskriminierung

Vor Kurzem hatte ich eine Unterhaltung in der – wieder einmal – behauptet wurde, dass wir doch alle dieselben Chancen hätten erfolgreich zu sein, völlig unabhängig von unserer Hautfarbe. Dabei wurde das Beispiel genannt, dass George Floyd, ein Krimineller der Drogen einnahm, doch nicht als „Held“ gefeiert werden dürfte.

An dieser Behauptung gibt es zwei Punkte, die ich höchst kritisch sehe.


Problematische Aussagen, die ich immer wieder höre:

  1. „Ich sehe keine Farben.“ „Wir sind alle gleich.“ „Jede Person kann vom Tellerwaschen zu Millionen gelangen, wenn sich nur mächtig angestrengt wird.“

  2. „Schwarze Männer und Männer of Color sind halt auch krimineller.“ „Schwarze Männer nehmen Drogen.“


Alle Formen haben eine gemeinsame Grundlage: Vorurteile und Macht. Ellen Wagner

Farbenblindheit


Wenn wir keine Unterschiede zwischen Menschen sehen, erkennen wir auch nicht die Barrieren an, die Menschen Zugänge zu Räumen und Ressourcen verwehren. Was bedeutet das konkret? Auf Grund verschiedener Formen der Unterdrückung, sogenannter „-isms“, haben wir nicht alle dieselben Startvoraussetzungen. Zu diesen Formen zählen neben Rassismus auch beispielsweise die Diskriminierung auf Grund der Religion, des Geschlechts, von körperlichen oder mentalen Fähigkeiten und des Alters und vieler weiterer Merkmale. Alle Formen haben eine gemeinsame Grundlage: Vorurteile und Macht. Diese lässt sich auf vier Ebenen, die miteinander verknüpft sind, erkennen (in engl.“The 4 I’s of Oppression“).

  • Ideologisch: Die Überzeugung, die verwendet wird, um ein System der Ungleichheit zu schaffen, in dem Menschen mit bestimmten Identitäten Macht haben und andere weniger oder gar keine (gesellschaftliche Vorurteile wie z.B. dass nicht-weiße Menschen weniger wert sind).

  • Institutionell: Eine Organisation oder ein System von Organisationen, die eine Ideologie verstärken oder aufrechterhalten (z.B. Racial Profiling bei der Polizei oder der Ausschluss von Bewerbenden mit ausländisch klingenden Namen im Bewerbungsprozess).

  • Interpersonell: Die Interaktion zwischen Menschen, die eine Ideologie aufrechterhalten (z.B. Mikroaggressionen gegenüber einer Schwarzen Person, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist „Du sprichst aber gut Deutsch.“, „Woher kommst Du? oder das ungefragte in die Haare Fassen einer Person of Color).

  • Internalisiert: Wie eine Ideologie unsere Weltanschauung und Überzeugungen prägt, was letztendlich unsere Beziehung zu uns selbst und zu allen anderen Menschen beeinflusst (z.B. die Wahrnehmung meiner Schwarzen Tochter, dass Ihre Hautfarbe und ihre Haare nicht schön seien. Eines Tages kam sie aus dem Kindergarten und weinte „Ich möchte nicht diese Hautfarbe haben und auch nicht diese Haare.“).

Je mehr wir also der sogenannten „Norm“ des Landes entsprechen – im Kontext von Rassismus: von Geburt deutsch, weiß und akzentfreies Deutsch – desto weniger bis keinen Rassismus erfahren wir. Fällt eines der Merkmale weg so gelten wir als „white passing“ und werden vielleicht als ‚deutsch‘ gelesen bzw. gesehen. Dennoch erleben wir Ausschluss oder Diskriminierung, weil wir eben doch nicht ganz dazugehören. Dieses Prinzip lässt sich auch auf alle anderen Formen der Unterdrückung übertragen. Im Kontext von Menschen mit Behinderung können wir als nicht behindert gelesen werden, jedoch eine z.B. chronische Erkrankungen wie Diabetes haben oder unter Depressionen leiden.


Stereotype und die Gefahr einer Momentaufnahme


Schon einmal vom „Confirmation Bias“ gehört? Denken wir beispielsweise, dass Schwarze Menschen im Vergleich zu weißen Menschen eher kriminell und arm sind, so nehmen wir auch eher das wahr, was wir bereits zu wissen meinen und somit unsere Annahmen bestätigt. Das bedeutet, dass wir eher kriminelle Schwarze Menschen in den Medien oder Schwarze obdachlose Menschen auf der Straße wahrnehmen, obwohl dies statistisch falsch ist. Unser Gehirn spielt uns viele Streiche, die wir gar nicht bewusst wahrnehmen, weswegen diese kognitiven Wahrnehmungsverzerrungen (engl. Biases) auch ‚unconscious‘, also unbewusst, genannt werden. Werden wir also mit den immer selben Stereotypen gefüttert (siehe die Repräsentation Schwarzer Menschen in Hollywood Filmen), so verankern sich diese Bilder unweigerlich in unserem Bewusstsein und führen dazu, dass wir Menschen unweigerlich in Schubladen stecken und im schlimmsten Fall abwerten oder diskriminieren.

Bewerten wir in Situationen nur das, was oberflächlich sichtbar ist, so übersehen wir strukturelle Probleme, die zu einem Problem geführt haben. Wenn Menschen der Zugang zu einer guten Schulbildung verwehrt wird und somit auch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt reduziert werden, haben sie nicht dieselben Chancen und den Zugang zu Wohlstand wie privilegierte Menschen die bspw. der Mittelklasse angehören. Wenn die Polizei überproportional nicht-weiße Menschen kontrolliert, so erweckt dies natürlich den Eindruck, dass jene auch krimineller sind – obwohl dies statistisch gesehen falsch ist*.

Es ist komplex. Und Diskussionen zum Thema Rassismus und anderen Diskriminierungen sind sehr anstrengend – für Betroffene genau wie für nicht-Betroffene. Trotzdem, mein Appell an alle, die sich noch nicht mit den Themen auseinandergesetzt haben: Bildet Euch weiter! Auch wenn die Themen Euch zunächst einmal (scheinbar) nicht betreffen: Wenn Ihr Euch nicht aktiv gegen die Unterdrückung von Menschen einsetzt, mach Ihr Euch mitschuldig an der Diskriminierung anderer und der Aufrechterhaltung des Systems aus Vorurteilen und Macht. Einige profitieren von der systematischen Unterdrückung anderer – aber wir alle profitieren viel mehr von einer Welt, in der Diskriminierung keinen Platz mehr hat.

“Nothing in life worth having is entirely free, but I won’t cost as much as you think.” Robert Livingston

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*https://naacp.org/resources/criminal-justice-fact-sheet oder https://www.pedocs.de/volltexte/2015/10622/pdf/ZEP_2_2013_Schicht_Racial_Profiling_bei_der_Polizei.pdf