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Check your privilege! Was Mückenstiche und Sprache gemeinsam haben


Ich bin noch immer wie betäubt, in so einer Art Schwebezustand und einfach leer.


In einer Coachingsitzung sollte mein Coachee seinen inneren Stimmen eine Gestalt geben. Anhand der sogenannten Anteilsarbeit können wir unsere inneren Stimmen kennenlernen und konfrontieren. Ihr kennt das sicherlich, in bestimmten Situation werden plötzlich zwei oder sogar mehr Stimmen in uns laut und beginnen sich zu zanken – ähnlich wie bei Fettes Brot in ihrem Song Jein: „Es erscheinen Engelchen und Teufelchen auf meiner Schulter, Engel links, Teufel rechts...“. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht näher auf die Methode eingehen.


Mein Coachee beschrieb die Gestalt als Teufel mit einer schwarzen Hautfarbe. Dabei zuckte ich innerlich schon zusammen und dachte mir: „Oh no, schon wieder sind die Schwarzen die Bösen.“ Aber da diese Art Gedanken keinen Platz in einem Coachinggespräch haben dürfen, habe ich das ganz schnell von mir abgeschüttelt und mich wieder auf das Gespräch fokussiert. Bei der Beschreibung der zweiten Stimme bzw. deren Gestalt konnte ich innerlich kaum noch an mich halten. Er beschrieb die engelhafte Person mit „normaler“ Hautfarbe, also heller Haut. Ich bin davon überzeugt, dass mein Coachee sich in keinem Moment bewusst war, dass mich als PoC eine solche Aussage treffen könnte.


Natürlich bin ich mir bewusst, dass sich Weiße Menschen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft als Norm sehen. Und dass so eine Aussage per se nicht böse gemeint ist. Aber sind sich Weiße Menschen bewusst, was solche Aussagen mit mir machen?


„Diese kleinen Momente, sie wirken wie Mückenstiche. Kaum sichtbar, im Einzelnen auszuhalten, doch in schierer Summe wird der Schmerz unerträglich.“ Alice Hastert

Neben Alice Hastert nutzen auch Tupoka Ogette das Bild der Mückenstiche, um diese scheinbar harmlosen kleinen Bemerkungen, die man Mikroagressionen nennt, zu beschreiben. Ich spüre diese Stiche jeden Tag - selbst in Zeiten der COVID-19-Pandemie, in denen ich weniger persönlichen Kontakt mit Menschen habe. Aber egal wo ich hinschaue: Ob ich die Zeitung lese, Fernsehen schaue oder in den sozialen Medien unterwegs bin, die Message ist immer dieselbe: Ich bin nicht normal. Ich gehöre nicht dazu.


Das empfinde ich so, weil auf dem Shampoo meiner blonden und blauäugigen Frau „normal“ steht und es für meine Haare nichts taugt. Das empfinde ich so, da ich in meiner Heimatstadt Köln trotz Weltoffenheit dennoch täglich gefragt werde, wo ich doch herkomme. Das empfinde ich auch so, wenn ich in Deutschland dafür gelobt werde, dass ich doch so gut Deutsch spreche.

Viele von Euch, die nicht PoC sind, haben dies bestimmt schon häufig gelesen oder gehört. Dennoch: Ich wünsche mir mehr Bewusstsein für den Gebrauch unserer Sprache. Denn auf Dauer können diese sprachlichen Mückenstiche nämlich verdammt verletzen.

#Diskriminierung #Rassismus #Sprache #DiversityAndInclusion #Inklusion #Priviliegien

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